"Ein Tuch aus Licht über die erstarrte Nacht zu breiten, eine Axt aus Licht in die Felsen der Dunkelheit zu schlagen, einen Sturm aus Licht zu entfesseln, einen Sonnenaufgang mitten im Auge der Nacht zu inszenieren. Nur so kann es möglich sein, in den Dunstkreis der Götter zu kommen, um sie den Menschen etwas näher zu bringen - einen Wolkenbügel aus Licht zu erschaffen", so umschreibt Gert Hof, der Großmeister der Regie seine Obsession, sein Schaffen. Neueste Zusammenarbeit nach Rammstein, Witt und Diamanda Galas sind Corvus Corax mit ihrer neuen Cantus Buranus.
Wie kam es zum Erstkontakt zwischen Corvus Corax und Gert Hof?
Die Managerin von Corvus Corax hat meinen Manager angerufen. Das war ein sehr gerader, merkwürdiger und sympathischer Anruf: Hof ist der Wunschregisseur von Corvus Corax, Geld haben wir keines, kannst du dir das vorstellen? Ich habe mir die neue CD angehört und war begeistert, das kommt nicht oft bei mir vor, ich habe die Jungs kennengelernt. Die Zusammenarbeit macht mir sehr viel Spaß, sie sind sehr kreativ, verstehen ihr Handwerk und sind verrückt, das letztere hat mich überzeugt.
Welche Beziehung haben Sie zur Carmina Burana?
Bedingt durch meine Herkunft vom Theater habe ich ein sehr sensibles Verhältnis zur Sprache, und wenn es sich dabei um eine der wichtigsten Dichtungen des Mittelalters, wie Carmina Burana, handelt, ist das für mich eine besondere Herausforderung. Für mich ist diese Sammlung von Texten der eigentliche Beginn von Theaterliteratur. Der Text erzählt kleine Geschichten, wenn man will kleine Theaterstücke, kostbare Einakter. So ist auch mein Zugang zu diesen Texten. Theater kann Sprache und Geschichten sichtbar machen. Theater kennt keine sprachlichen Grenzen, es spricht in Bildern und Emotionen, es schreit, es flüstert, es weint, es lacht, es staunt, es erzählt, es macht neugierig, es ist historisch und futuristisch, es macht Mut, Hoffnung, Sehnsucht und immer ist es faszinierend und kann die Menschen verzaubern, für Augenblicke, wenn es gut ist. Thater kann Sprache übersetzen in Körper und Gesten, in das Unausgesprochene, in das Verschwiegene, in Bewegungen, in Pausen in einen Blick, in das Monumentale, dass daraus ein verzauberter, ein geheimnisvoller, ein mystischer oder ein revolutionärer Augenblick wird. Es verleiht dem Text ein Bild, einen Vorgang und einen Herzschlag.
Gibt es bereits erste Lichtentwürfe?
Ich bin gerade dabei, das Bühnenbild und die Kostüme zu entwerfen, simultan dazu enstehen die erste Ideen zu einer Licht- und Pyroarchitektur. Aber am Schluss ist das alles eine Frage des Budgets. Es ist für mich wie eine Expedition in eine andere Zeit, das Wichtigste dabei ist, das Geheimnis in diesen Texten zu finden. Auf einem Gemälde von Edward Hopper ist ein leeres Zimmer mit einer ein Stück offen stehenden Tür zu sehen. Ich denke, durch diese Tür muss ich gehen. Dahinter, im Verborgenen, ist die Welt, die mich interessiert, das Geheimnis. Die Welt hinter dieser Tür, wo alles möglich ist, will ich sichtbar machen. Dort offenbaren sie sich die heimlichen Wünsche, Ursprung aller Geschichten, in der Kammer der Todsünden. Das ist ein Aspekt von vielen, der mich an der Carmina Burana fasziniert.
In wieweit unterscheiden sich Musikerproduktionen, wie bereits für Rammstein, Witt, Galas durchgeführt, im Vergleich mit präsentativen Lichtinszenierungen?
Es gibt eigentlich keine großen Unterschiede, außer dass ein Megaevent viel komplexer ist. "Lichtinszenierungen", wie Sie es bezeichnen, kenne ich nicht. Mit der Inszenierung eines großen Events verändert man für Momente das Aussehen einer ganzen Stadt. Es ist ein Gesamtkunstwerk, das sich aus vielen verschiedenen Elementen zusammensetzt: Choreografie, Laser, Licht, Theater, Musik, Feuerwerk. Die Milleniums Show, die ich für China inszeniert habe, war eine Inszenierung, die fünf Stunden dauerte. Ich muss die Musik auswählen bzw. einen Komponisten finden, der nach meinen Vorgaben eine Musik komponiert, dann hatte ich 5000 Statisten, die ich choreografieren musste etc. Das ist also ein sehr komplexer Prozess. Die Partitur, die ich für solch einen Event schreibe, umfasst ca. 1000 Seiten und umfasst alle Gewerke. Man kann es am besten mit einer Inszenierung an einem Theater oder einer Oper vergleichen, nur in anderen Dimensionen. Die Basis bleibt die Dramaturgie.
Gert Drexl in: NEGAtief (Ausgabe Februar/März 09)
www.gert-hof.de
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